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Erziehung von ADHS-Kindern und Umgang mit Erwachsenen mit ADHS

24. März um 13:32

Hallo zusammen
Ich habe eigentlich kein akutes Problem, sondern möchte gerne eure Ansichten zur Situation in meiner Herkunftsfamilie hören. Dazu muss ich etwas ausholen.

Ich bin 38 und habe einen drei Jahre jüngeren Bruder. Dieser war schon als Kind schwierig und hat mit zunehmendem Alter immer grössere Probleme gemacht. Mit 14 hat er ein Mofa geklaut. Kurz darauf wurde bei ihm POS diagnostiziert. Das heisst heute ADHS. Er flippte ständig total aus, liess sich nichts sagen, weder von Eltern noch Lehrern. Mit 16 kam er in ein Heim für schwierige Kinder und fing dort eine Lehre an. Als er 18 wurde, konnte man ihn nicht mehr gegen seinen Willen dort behalten, also brach er die Lehre ab und stürzte noch mehr ab. Zwischenzeitlich war er mal in einer Pflegefamilie, ich weiss aber nicht mehr genau wann.

Er wurde Alkoholiker und Dauerkiffer, hat keinen Job länger als ein paar Wochen oder höchstens Monate behalten. Er bekam halt immer schnell Streit mit anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Ausserdem ging er einfach nicht zur Arbeit, wenn er morgens keine Lust hatte. Entzüge hat er auch schon gemacht, hat aber nie längerfristig was gebracht.
Vor ein paar Jahren hatte er eine Freundin, die dann (offenbar geplant) schwanger wurde. Sie hat aber noch vor der Geburt eingesehen, dass es mit ihm einfach nicht geht, und ist in ihr Herkunftsland zurückgekehrt. Ich glaube, das Kind hat er nie gesehen. Vor ca. dreieinhalb Jahren lernte er dann seine momentane Freundin kennen. Ich kenne sie nicht, aber sie war damals noch recht jung und muss auch ziemlich naiv sein. Jedenfalls ging mein Bruder dann in den Entzug. Noch während er im Entzug war, wurde sie schwanger. Obwohl es schon bald grosse Probleme gab und auch ab und zu die Polizei ausrücken musste, liess sie sich noch ein zweites Mal schwängern. Die Kinder sind jetzt, soweit ich weiss, zweieinhalb Jahre und halbjährig. Offenbar ist der Ältere auch schon verhaltensauffällig. Vor ca. zwei Wochen musste wieder die Polizei ausrücken... Wenn mein Bruder ausflippt, wird er sehr laut und stösst wüste Beleidigungen und Drohungen aus.
Ich habe übrigens seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm.

Mein Bruder und unsere Eltern schieben alles auf das ADHS. Er könne halt nicht anders und basta. Ich weiss, dass niemand etwas dafür kann, dass er ADHS hat. Aber ich weiss auch, wie bei uns zu Hause "erzogen" wurde:
Mein Vater interessierte sich nie wirklich für seine Kinder. Seine Freizeit verbrachte er vor dem Fernseher. Meine Mutter war (und ist es immer noch) unglücklich in der Ehe und wurde von meinem Vater mit der Erziehung allein gelassen. "Erziehung" bestand hauptsächlich aus leeren Androhungen von Strafen wie Hausarrest etc. Umgesetzt wurde das nie. Einmal stahl er meinen Eltern Geld und kaufte sich einen Gameboy (da war er ca. 9). Es hatte keine Konsequenzen. So wie eigentlich nie etwas Konsequenzen hatte. Nachdem mein Bruder mit 14 eben ein Mofa gestohlen hatte, schenkten ihm meine Eltern eines. Schliesslich hatte er nur eines gestohlen, weil er doch so gerne eines gehabt hätte...

Nach der ADHS-Diagnose wurde dann sowieso alles darauf geschoben, egal was er tat. Dann gab es auch immer wieder dieses gleiche Spiel: Mein Bruder versprach etwas (zB sich zu bessern, eine Lehre zu machen, ...), und meine Eltern schenkten ihm etwas dafür, zB einen teuren Roller. Natürlich hielt er seine Versprechen nie. Die Sachen hatte er dann aber und konnte sie auch behalten. Er bekam generell praktisch alles, was er wollte, während bei mir immer aufs Geld geschaut wurde. Wenn ich etwas sagte, war ich die neidische Schwester, die dem Bruder nichts gönnt.
Überhaupt war mein Bruder schon immer das Lieblingskind meiner Mutter, während sie mich emotional vernachlässigte und für Fehlverhalten mit Liebesentzug bestrafte, was sie bei meinem Bruder nie machte. Die Lieblingskindsache soll hier aber nicht Thema sein.

Einmal, da war ich ca. 20 und mein Bruder ca. 17, meinte meine Mutter, dass ja nur Vater und ich Probleme mit meinem Bruder hätten, sie hingegen nicht. Sie meinte also, es läge an uns. Dazu muss ich sagen, dass sie ihm nie etwas verwehrte und ihn nie kritisierte. Sie nahm ihn auch immer in Schutz. Wenn er Probleme mit Lehrern, Vorgesetzten etc. hatte, waren die schuld. Wenn ich Streit mit ihm hatte, dann hatte ich ihn provoziert. Ein paar Jahre später fand ich meine Mutter völlig aufgelöst vor. Mein Bruder hatte Geld verlangt, und sie hatte gewagt, ihn zu fragen, wieso er denn sein eigenes schon ausgegeben hatte. Da war er völlig ausgetickt und hatte sie aufs Übelste beschimpft. So viel zu keine Probleme...

Seit mein Bruder erwachsen ist, ist er die meiste Zeit arbeitslos. Zwar hat er immer mal wieder einen Job, aber eben nie lange. Finanzieren lässt er sich dann von unseren Eltern, die immer bedingungslos geben. Seine kleine Familie lebt mietfrei in der grossen Eigentumswohnung unserer Eltern und wird grosszügig finanziell unterstützt. Als ich das herausfand und hinterfragte, hiess es wieder, er habe halt ADHS...

Er nimmt übrigens kein Ritalin, dafür kifft er täglich. Und saufen tut er natürlich auch immer noch.

So, meine Frage an euch lautet nun: Kann man wirklich alles mit ADHS entschuldigen? Ich weiss, dass bei ADHS die Impulskontrolle gestört ist, und dass es unterschiedlich starke Ausprägungen gibt. Aber kann man Kindern und Erwachsenen wirklich keinerlei Grenzen setzen, wenn sie ADHS haben? Ich habe ja erlebt, wie mein Bruder "erzogen" wurde: keine Konsequenzen, keine Grenzen (zu mir war meine Mutter übrigens viel strenger). Schuld sind immer andere. Meiner Meinung nach suchte mein Bruder als Kind/Teenager schon fast verzweifelt nach diesen Grenzen.
Habt ihr Erfahrungen diesbezüglich?

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24. März um 15:02
In Antwort auf habibi

Hallo zusammen
Ich habe eigentlich kein akutes Problem, sondern möchte gerne eure Ansichten zur Situation in meiner Herkunftsfamilie hören. Dazu muss ich etwas ausholen.

Ich bin 38 und habe einen drei Jahre jüngeren Bruder. Dieser war schon als Kind schwierig und hat mit zunehmendem Alter immer grössere Probleme gemacht. Mit 14 hat er ein Mofa geklaut. Kurz darauf wurde bei ihm POS diagnostiziert. Das heisst heute ADHS. Er flippte ständig total aus, liess sich nichts sagen, weder von Eltern noch Lehrern. Mit 16 kam er in ein Heim für schwierige Kinder und fing dort eine Lehre an. Als er 18 wurde, konnte man ihn nicht mehr gegen seinen Willen dort behalten, also brach er die Lehre ab und stürzte noch mehr ab. Zwischenzeitlich war er mal in einer Pflegefamilie, ich weiss aber nicht mehr genau wann.

Er wurde Alkoholiker und Dauerkiffer, hat keinen Job länger als ein paar Wochen oder höchstens Monate behalten. Er bekam halt immer schnell Streit mit anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Ausserdem ging er einfach nicht zur Arbeit, wenn er morgens keine Lust hatte. Entzüge hat er auch schon gemacht, hat aber nie längerfristig was gebracht.
Vor ein paar Jahren hatte er eine Freundin, die dann (offenbar geplant) schwanger wurde. Sie hat aber noch vor der Geburt eingesehen, dass es mit ihm einfach nicht geht, und ist in ihr Herkunftsland zurückgekehrt. Ich glaube, das Kind hat er nie gesehen. Vor ca. dreieinhalb Jahren lernte er dann seine momentane Freundin kennen. Ich kenne sie nicht, aber sie war damals noch recht jung und muss auch ziemlich naiv sein. Jedenfalls ging mein Bruder dann in den Entzug. Noch während er im Entzug war, wurde sie schwanger. Obwohl es schon bald grosse Probleme gab und auch ab und zu die Polizei ausrücken musste, liess sie sich noch ein zweites Mal schwängern. Die Kinder sind jetzt, soweit ich weiss, zweieinhalb Jahre und halbjährig. Offenbar ist der Ältere auch schon verhaltensauffällig. Vor ca. zwei Wochen musste wieder die Polizei ausrücken... Wenn mein Bruder ausflippt, wird er sehr laut und stösst wüste Beleidigungen und Drohungen aus.
Ich habe übrigens seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm.

Mein Bruder und unsere Eltern schieben alles auf das ADHS. Er könne halt nicht anders und basta. Ich weiss, dass niemand etwas dafür kann, dass er ADHS hat. Aber ich weiss auch, wie bei uns zu Hause "erzogen" wurde:
Mein Vater interessierte sich nie wirklich für seine Kinder. Seine Freizeit verbrachte er vor dem Fernseher. Meine Mutter war (und ist es immer noch) unglücklich in der Ehe und wurde von meinem Vater mit der Erziehung allein gelassen. "Erziehung" bestand hauptsächlich aus leeren Androhungen von Strafen wie Hausarrest etc. Umgesetzt wurde das nie. Einmal stahl er meinen Eltern Geld und kaufte sich einen Gameboy (da war er ca. 9). Es hatte keine Konsequenzen. So wie eigentlich nie etwas Konsequenzen hatte. Nachdem mein Bruder mit 14 eben ein Mofa gestohlen hatte, schenkten ihm meine Eltern eines. Schliesslich hatte er nur eines gestohlen, weil er doch so gerne eines gehabt hätte...

Nach der ADHS-Diagnose wurde dann sowieso alles darauf geschoben, egal was er tat. Dann gab es auch immer wieder dieses gleiche Spiel: Mein Bruder versprach etwas (zB sich zu bessern, eine Lehre zu machen, ...), und meine Eltern schenkten ihm etwas dafür, zB einen teuren Roller. Natürlich hielt er seine Versprechen nie. Die Sachen hatte er dann aber und konnte sie auch behalten. Er bekam generell praktisch alles, was er wollte, während bei mir immer aufs Geld geschaut wurde. Wenn ich etwas sagte, war ich die neidische Schwester, die dem Bruder nichts gönnt.
Überhaupt war mein Bruder schon immer das Lieblingskind meiner Mutter, während sie mich emotional vernachlässigte und für Fehlverhalten mit Liebesentzug bestrafte, was sie bei meinem Bruder nie machte. Die Lieblingskindsache soll hier aber nicht Thema sein.

Einmal, da war ich ca. 20 und mein Bruder ca. 17, meinte meine Mutter, dass ja nur Vater und ich Probleme mit meinem Bruder hätten, sie hingegen nicht. Sie meinte also, es läge an uns. Dazu muss ich sagen, dass sie ihm nie etwas verwehrte und ihn nie kritisierte. Sie nahm ihn auch immer in Schutz. Wenn er Probleme mit Lehrern, Vorgesetzten etc. hatte, waren die schuld. Wenn ich Streit mit ihm hatte, dann hatte ich ihn provoziert. Ein paar Jahre später fand ich meine Mutter völlig aufgelöst vor. Mein Bruder hatte Geld verlangt, und sie hatte gewagt, ihn zu fragen, wieso er denn sein eigenes schon ausgegeben hatte. Da war er völlig ausgetickt und hatte sie aufs Übelste beschimpft. So viel zu keine Probleme...

Seit mein Bruder erwachsen ist, ist er die meiste Zeit arbeitslos. Zwar hat er immer mal wieder einen Job, aber eben nie lange. Finanzieren lässt er sich dann von unseren Eltern, die immer bedingungslos geben. Seine kleine Familie lebt mietfrei in der grossen Eigentumswohnung unserer Eltern und wird grosszügig finanziell unterstützt. Als ich das herausfand und hinterfragte, hiess es wieder, er habe halt ADHS...

Er nimmt übrigens kein Ritalin, dafür kifft er täglich. Und saufen tut er natürlich auch immer noch.

So, meine Frage an euch lautet nun: Kann man wirklich alles mit ADHS entschuldigen? Ich weiss, dass bei ADHS die Impulskontrolle gestört ist, und dass es unterschiedlich starke Ausprägungen gibt. Aber kann man Kindern und Erwachsenen wirklich keinerlei Grenzen setzen, wenn sie ADHS haben? Ich habe ja erlebt, wie mein Bruder "erzogen" wurde: keine Konsequenzen, keine Grenzen (zu mir war meine Mutter übrigens viel strenger). Schuld sind immer andere. Meiner Meinung nach suchte mein Bruder als Kind/Teenager schon fast verzweifelt nach diesen Grenzen.
Habt ihr Erfahrungen diesbezüglich?
 

Deine Kindheit muss traumatisch gewesen sein und die, deines Bruders auch. ADHS Kinder benötigen viel Verständnis. Das heisst meiner Meinung nach aber nicht, dass sie mit der Diagnose einen Freibrief erhalten.
Da es diesen Kindern mega schwer fällt, ihre Impulse zu steuern und sich einzugrenzen.....brauchen sie Hilfe dabei, dazu gehört, dass die eingegrenzt werden. Innerhalb dieser Grenzen können sie sicher agieren. Damit sie sich trotzdem wohlfühlen und auspowern können , brauchen sie gleichzeitig Freiräume. Diesen Spagat können nicht alle leisten. Grenzen im Alltag, wo es nötig ist, Freiräume wo es möglich ist, ohne Eigen - oder Fremdgefährdung. Ich halte nicht viel davon Kinder abzustrafen. Aber angedrohte,  logische Konsequenzen müssen eingehalten werden. Das gibt auch Sicherheit....und das suchen diese Kinder. Wenn Eltern eine Belohnung versprechen, müssen Kinder sich auf die Einhaltung genauso verlassen können,  wie darauf, dass angekündigte Konsequenzen auch tatsächlich erfolgen. Da spielt die Vorbildfunktion auch eine Rolle. Wenn Eltern nicht zuverlässig tun, was sie ankündigen.....warum sollten Kinder dann ihre Versprechen halten. Diese Kinder können sich nicht regulieren , also unterstützen verantwortungsbewusste Eltern diesen Prozess und regulieren durch Regeln......die mit zunehmenden Alter natürlich gelockert werden. Klar, ist es bequemer, zu sagen, er ist halt so und kann nichts dafür. Es ist anstrengend, ständig auf dem Sprung zu sein und Grenzen zu setzen und gleichzeitig viel Freiraum zum auspowern zu bieten. Manche Kinder können es so, gut ohne Medikamente schaffen, andere nicht.

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24. März um 21:00

Vielleicht.....ist das manchmal die einzige Möglichkeit, seine eigene Überforderung zu rechtfertigen. Ich bin so dreist,  zu behaupten, dass 50 Prozent der Ritalin Kinder mit Erziehung und Auspowern ohne Medikament auskommen könnten. Für alle anderen sind die Medikamente ein Segen. 

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25. März um 8:54
In Antwort auf habibi

Hallo zusammen
Ich habe eigentlich kein akutes Problem, sondern möchte gerne eure Ansichten zur Situation in meiner Herkunftsfamilie hören. Dazu muss ich etwas ausholen.

Ich bin 38 und habe einen drei Jahre jüngeren Bruder. Dieser war schon als Kind schwierig und hat mit zunehmendem Alter immer grössere Probleme gemacht. Mit 14 hat er ein Mofa geklaut. Kurz darauf wurde bei ihm POS diagnostiziert. Das heisst heute ADHS. Er flippte ständig total aus, liess sich nichts sagen, weder von Eltern noch Lehrern. Mit 16 kam er in ein Heim für schwierige Kinder und fing dort eine Lehre an. Als er 18 wurde, konnte man ihn nicht mehr gegen seinen Willen dort behalten, also brach er die Lehre ab und stürzte noch mehr ab. Zwischenzeitlich war er mal in einer Pflegefamilie, ich weiss aber nicht mehr genau wann.

Er wurde Alkoholiker und Dauerkiffer, hat keinen Job länger als ein paar Wochen oder höchstens Monate behalten. Er bekam halt immer schnell Streit mit anderen Mitarbeitern und Vorgesetzten. Ausserdem ging er einfach nicht zur Arbeit, wenn er morgens keine Lust hatte. Entzüge hat er auch schon gemacht, hat aber nie längerfristig was gebracht.
Vor ein paar Jahren hatte er eine Freundin, die dann (offenbar geplant) schwanger wurde. Sie hat aber noch vor der Geburt eingesehen, dass es mit ihm einfach nicht geht, und ist in ihr Herkunftsland zurückgekehrt. Ich glaube, das Kind hat er nie gesehen. Vor ca. dreieinhalb Jahren lernte er dann seine momentane Freundin kennen. Ich kenne sie nicht, aber sie war damals noch recht jung und muss auch ziemlich naiv sein. Jedenfalls ging mein Bruder dann in den Entzug. Noch während er im Entzug war, wurde sie schwanger. Obwohl es schon bald grosse Probleme gab und auch ab und zu die Polizei ausrücken musste, liess sie sich noch ein zweites Mal schwängern. Die Kinder sind jetzt, soweit ich weiss, zweieinhalb Jahre und halbjährig. Offenbar ist der Ältere auch schon verhaltensauffällig. Vor ca. zwei Wochen musste wieder die Polizei ausrücken... Wenn mein Bruder ausflippt, wird er sehr laut und stösst wüste Beleidigungen und Drohungen aus.
Ich habe übrigens seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm.

Mein Bruder und unsere Eltern schieben alles auf das ADHS. Er könne halt nicht anders und basta. Ich weiss, dass niemand etwas dafür kann, dass er ADHS hat. Aber ich weiss auch, wie bei uns zu Hause "erzogen" wurde:
Mein Vater interessierte sich nie wirklich für seine Kinder. Seine Freizeit verbrachte er vor dem Fernseher. Meine Mutter war (und ist es immer noch) unglücklich in der Ehe und wurde von meinem Vater mit der Erziehung allein gelassen. "Erziehung" bestand hauptsächlich aus leeren Androhungen von Strafen wie Hausarrest etc. Umgesetzt wurde das nie. Einmal stahl er meinen Eltern Geld und kaufte sich einen Gameboy (da war er ca. 9). Es hatte keine Konsequenzen. So wie eigentlich nie etwas Konsequenzen hatte. Nachdem mein Bruder mit 14 eben ein Mofa gestohlen hatte, schenkten ihm meine Eltern eines. Schliesslich hatte er nur eines gestohlen, weil er doch so gerne eines gehabt hätte...

Nach der ADHS-Diagnose wurde dann sowieso alles darauf geschoben, egal was er tat. Dann gab es auch immer wieder dieses gleiche Spiel: Mein Bruder versprach etwas (zB sich zu bessern, eine Lehre zu machen, ...), und meine Eltern schenkten ihm etwas dafür, zB einen teuren Roller. Natürlich hielt er seine Versprechen nie. Die Sachen hatte er dann aber und konnte sie auch behalten. Er bekam generell praktisch alles, was er wollte, während bei mir immer aufs Geld geschaut wurde. Wenn ich etwas sagte, war ich die neidische Schwester, die dem Bruder nichts gönnt.
Überhaupt war mein Bruder schon immer das Lieblingskind meiner Mutter, während sie mich emotional vernachlässigte und für Fehlverhalten mit Liebesentzug bestrafte, was sie bei meinem Bruder nie machte. Die Lieblingskindsache soll hier aber nicht Thema sein.

Einmal, da war ich ca. 20 und mein Bruder ca. 17, meinte meine Mutter, dass ja nur Vater und ich Probleme mit meinem Bruder hätten, sie hingegen nicht. Sie meinte also, es läge an uns. Dazu muss ich sagen, dass sie ihm nie etwas verwehrte und ihn nie kritisierte. Sie nahm ihn auch immer in Schutz. Wenn er Probleme mit Lehrern, Vorgesetzten etc. hatte, waren die schuld. Wenn ich Streit mit ihm hatte, dann hatte ich ihn provoziert. Ein paar Jahre später fand ich meine Mutter völlig aufgelöst vor. Mein Bruder hatte Geld verlangt, und sie hatte gewagt, ihn zu fragen, wieso er denn sein eigenes schon ausgegeben hatte. Da war er völlig ausgetickt und hatte sie aufs Übelste beschimpft. So viel zu keine Probleme...

Seit mein Bruder erwachsen ist, ist er die meiste Zeit arbeitslos. Zwar hat er immer mal wieder einen Job, aber eben nie lange. Finanzieren lässt er sich dann von unseren Eltern, die immer bedingungslos geben. Seine kleine Familie lebt mietfrei in der grossen Eigentumswohnung unserer Eltern und wird grosszügig finanziell unterstützt. Als ich das herausfand und hinterfragte, hiess es wieder, er habe halt ADHS...

Er nimmt übrigens kein Ritalin, dafür kifft er täglich. Und saufen tut er natürlich auch immer noch.

So, meine Frage an euch lautet nun: Kann man wirklich alles mit ADHS entschuldigen? Ich weiss, dass bei ADHS die Impulskontrolle gestört ist, und dass es unterschiedlich starke Ausprägungen gibt. Aber kann man Kindern und Erwachsenen wirklich keinerlei Grenzen setzen, wenn sie ADHS haben? Ich habe ja erlebt, wie mein Bruder "erzogen" wurde: keine Konsequenzen, keine Grenzen (zu mir war meine Mutter übrigens viel strenger). Schuld sind immer andere. Meiner Meinung nach suchte mein Bruder als Kind/Teenager schon fast verzweifelt nach diesen Grenzen.
Habt ihr Erfahrungen diesbezüglich?
 

Es ist sehr schade, dass dein Bruder nicht schon als Kind Hilfe bekommen hat. 

Nein, bei dieser Diagnose hat es keinen Sinn ein Kind einfach machen zu lassen und dann zu sagen er kann ja nicht anders wegen ADHS. 

Kinder mit dieser Diagnose brauchen mehr Struktur, mehr Anleitung und Hilfe dabei sich zu organisieren, zu kontrollieren, um erfolgreich in der Schule usw. zu sein. 

Kinder mit ADHS koennen mit Therapie und Begleitung auch lernen eine bessere Kontrolle ueber ihre Verhaltensweisen und Gefuehle zu bekommen. 

Nun ist das bei deinem Bruder aber nicht passiert und das kann man nicht mehr aendern. 

Ich wuerde deinem Bruder empfehlen neu anzufangen und sich komplett neu auf psychische Krankheiten testen zu lassen. Vielleicht kommt dabei etwas anderes heraus als ADHS, vielleicht nicht. 

Egal was dabei rauskommt...es gibt Moeglichkeiten der Behandlung. 

Wenn er allerdings weiter Drogen nimmt wird man ihn nicht behandeln koennen. Aber er ist jetzt erwachsen und muss das selber entscheiden. Man kann ihm etwas vorschlagen....was er davon annimmt oder umsetzt liegt dann an ihm. 

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29. März um 14:05

Unsere Tochter hatte als kleines Kind auch schon ADHS. Wir haben auch Grenzen gesezt. Sie wußte ein "Nein ist ein Nein. Das war für uns sehr anstrengend. Selbst als sie schon Mitte 20 war und natürlich selbstständig, war der Umgang manchmal schwierig. Das Problem ist inzwischen vorbei.
Das Problem bei deinem Bruder sehe ich klar bei deinen Eltern. Da sie ihm nie Grenzen gesetzt haben und auch jetzt ihn noch finanzieren, hat er nicht gelernt selbstständig zu sein. Auch so denke ich wird er unbewusst  unglücklich sein, da er nicht etwas erreicht hat auf das er stolz ist. Ihm fehlt das Selbstvertrauen.  "Fördern kommt von fordern". Hätte er als Kind geforderte Aufgaben oder gute Taten vollbracht, hätte er dafür gelobt werden können ...
 Sein Weg wäre sicherlich anders verlaufen.
Ich denke, dass es wichtig ist, dass deine Eltern die Finanzierung unbedingt nach und nach zurückschrauben müssen. So muss er selber etwas unternehmen. Dafür benötigt er Hilfe, Unterstützung und vor allem Anerkennung für seine Leistungen. So wird sich  seine Selbstständigkeit entwickeln.
Bleibt es bei der Unterstützung deiner Eltern für ihn, wird er nicht handeln. Warum auch. Es ist doch so viel bequemer. Doch was ist, wenn deine Eltern ihn nicht mehr unterstützen können? Dann wird es für ihn um so schwerer seinen Weg zu finden.
Ich hoffe, dass vielleicht auch durch Unterstützung z. B. durch eine Beratungsstelle die Ansicht deiner Eltern sich ändern wird. Ich denke allein das würde das Problem schon mindern.

Ich wünsche dir und deinen Angehörigen viel Kraft 
Liebe Grüße
Michael

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29. März um 22:57

Ich danke euch für eure Antworten. Natürlich werde ich jetzt nicht zu meinen Eltern rennen und ihnen unter die Nase reiben, was sie alles falsch gemacht haben. Sie waren (bzw. sind) überfordert und wollten sich dies nicht eingestehen. Und dann spielten auch noch persönliche Probleme meiner Mutter mit rein. Schade für alle, insbesondere meinen Bruder und seine unschuldigen Kinder, die mir am meisten leid tun. 

Leider kann ich gar nicht positiv auf meine Eltern einwirken, da sie auf mich am allerwenigsten hören. Ich wäre wieder die missgünstige, verständnislose Schwester. Ich denke auch, dass sie sich über all die Jahre dermassen in diese „er kann nichts dafür und wir können nichts machen“-Idee hineingesteigert haben, dass sie da kaum noch umdenken können.

Naja, um ehrlich zu sein, bin ich schon auch ein wenig wütend auf sie, weil sie einfach immer den kurzfristig bequemeren Weg gewählt haben, statt Energie und Zeit in Erziehung zu stecken. Das alles hat ja auch mein Leben stark beeinflusst. Und mein Bruder könnte ein besseres Leben haben. Und seine Kinder erst...

Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und will nicht verbittert oder zornig sein. Gott sei Dank habe ich meinen Weg ja gemacht. 
Es hat mir gut getan, hier meine Gedanken niederzuschreiben und eure Antworten zu lesen. Vielen Dank!

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