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ADS - aus der anderen Perspektive

11. November 2016 um 16:02

ich habe hier im Forum in letzter Zeit so einige AD(H)S - Threads gelesen und so viel negatives über AD(H)S - Behandlung im Allgemeinen und Ritalin im Besonderen - jetzt muss ich doch mal meine Geschichte loswerden...

Als Kind war ich immer "total verträumt". Ständig abgelenkt. Was die Lehrer mich nicht dafür gerügt haben, dass ich immer nur zum Fenster heraus gucke und im Unterricht nicht aufpasse... Unzählbar
Dazu kam: mein IQ war offensichtlich ok bis durchaus gut - meine Leistungen aber nicht.
Ich habe oft stundenlang über Hausaufgaben von ein paar Minuten gesessen (und eeeeeewig beim Zimmer aufräumen gebraucht, ohne dass danach auch irgend etwas erkennbar aufgeräumt war etc.) - nun, zu der Zeit gab es so etwas wie AD(H)S noch nicht, einem Kind, das gesagt hat, dass es sich nicht konzentrieren kann (nein, in der Klarheit konnte ich das als Kind auch nicht sagen), hat man nicht geglaubt und ist von dem ausgegangen, was eben naheliegend war: Intelligent, aber faul. Habe ich die ganze Kindheit lang gehört, stand bei mir sogar so im Zeugnis.

Nun, obwohl es vorkam, dass ich bei Testaten Punkte verloren habe, weil ich schlicht die Zeit nicht geschafft hatte oder etwas wichtiges überlesen hatte, da immer wieder die Gedanken spazieren gingen... für Schule und Abi hat es dank IQ und ähm... energischen Eltern, die nicht zulassen wollten, dass meine Faulheit mir meine Zukunft versaut, gereicht. Naja, keine guten Erinnerungen, wenn ich das mal so zusammen fassen darf.

Im Studium wurde es zugleich besser und schlimmer. Schlimmer, weil die Anforderungen höher waren, besser, weil ich mein Leben viel mehr an mich anpassen konnte.

Dann kam der Job... und es war ganz vorbei.
Ich war ständig völlig erschöpft. So sehr, dass ich trotz ausreichendem Nachtschlaf auf der Arbeit, mitten im Tippen in den Sekundenschlaf gefallen bin. Den Rest kann man sich vorstellen: Sonderlich viel kam dabei nicht heraus und ich habe nicht gerade wenig Fehler gemacht.
Davon, dass ich dann abends zu Hause nicht mehr zu gebrauchen war, weil ich noch nicht einmal mehr in der Lage war, einen simplen Gespräch (Alltag, nicht Raketenphysik... ) zu folgen, gar nicht zu reden.

Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt (da war ich dann inzwischen 30) - weil das ja wohl nicht normal sein kann, ich schon einen Job verloren hatte und Gefahr lief, den nächsten auch zu verlieren. Zig mal die Schilddrüse überprüfen lassen. Im Schlaflabor übernachtet, um meinen Nachtschlaf überwachen zu lassen und was auch immer den Ärzten sonst noch einfiel.

Nun, irgendwann sprach mein Mann mich darauf an, ob ich je auf ADS getestet wurde. Wie soll ich sagen, ich hab ihn ziemlich angemauzt für die Idee.
Hielt ich auch für eine Mode-Diagnose mit Symptomen, die eigentlich auf jeden zutreffen irgendwie.
Nun, er bliebt dran und hat mich letztlich überzeugt, dass ich das zumindest mal mache und die Medikamente versuche.

Also: Doc herausgesucht, die Diagnostik machen lassen - eindeutig positiv.
Auf Ritalin eingestellt wurden.

Paar Wochen später wußte ich nicht, ob ich lachen oder heulen sollte - ich habe beides getan.
Das hat alles geändert. Absolut alles.
Auf Arbeit habe ich "meine PS endlich mal auf die Strasse gekriegt" - ohne jede Übertreibung hat sich meine Arbeitsleistung mindestens (!) verdreifacht. Ich habe einen gigantischen Satz nach vorn gemacht, habe nicht "nur" viel, viel mehr geschafft, ich konnte auf meine Arbeit zu Recht stolz sein. Ich bin wirklich gut in meinem Job. Und mache auch viel, viel weniger Fehler. Mit allen Konsequenzen. Mehr Geld, bessere Position, mehr Wertschätzung von Kunden und Kollegen - und ein so viel besseres Gefühl.
Und abends - da hatte ich plötzlich wieder ein Leben! Ich konnte nach Feierabend Bücher lesen. Mit meinem Mann und unserem Sohn Zeit verbringen, die man auch als solche bezeichnen kann.

Ich kam nicht umhin, mir zu überlegen, dass das Ritalin nicht vielleicht nur eine simple Droge ist und ich musste es wissen, also habe ich etwas getan, was ich nicht tun durfte: ich habe meinem Mann 1/4 Tablette gegeben und ihn gebeten, das mal zu versuchen. Hat er getan - und es hat auf ihn völlig anders gewirkt als bei mir.
Daraufhin kam der Teil mit dem Heulen... was wäre gewesen, wie hätte meine Kindheit, mein Leben sein können, wenn das als Kind erkannt und behandelt wurden wäre... Ich habe den Gedanken daran abgewürgt - unerträglich, aber vor allem sinnlose Gedanken.

Es ist auch heute noch so, dass es mir an manchen Tagen sehr schwer fällt, mich zu konzentrieren. Man ist ja auch nicht an jedem Tag gleich fit und an den Tagen, wo ich weniger oder gar nicht fit bin, kommt das trotz Medikamenten immer noch durch - aber es ist auf einem Level, wo ich damit umgehen kann - und wenn ich mal paar Tage völlig neben der Spur bin - be it, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.

Also an alle, die mit diesem Thema in Berührung kommen - auch diese Seite hat das Thema.
Ich muss gestehen, als mein Chef mich fragte, was passiert ist, um das alles so zu ändern, habe ich mit "kein Kommentar" geantwortet. Aber hier im Internet will ich das Feld nicht zu sehr denen überlassen, die nur von "Modediagnose" und Ritalin als "Teufelszeug" sprechen - dazu habe ich zu viel erlebt.

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14. November 2016 um 14:38
In Antwort auf avarrassterne1

ich habe hier im Forum in letzter Zeit so einige AD(H)S - Threads gelesen und so viel negatives über AD(H)S - Behandlung im Allgemeinen und Ritalin im Besonderen - jetzt muss ich doch mal meine Geschichte loswerden...

Als Kind war ich immer "total verträumt". Ständig abgelenkt. Was die Lehrer mich nicht dafür gerügt haben, dass ich immer nur zum Fenster heraus gucke und im Unterricht nicht aufpasse... Unzählbar
Dazu kam: mein IQ war offensichtlich ok bis durchaus gut - meine Leistungen aber nicht.
Ich habe oft stundenlang über Hausaufgaben von ein paar Minuten gesessen (und eeeeeewig beim Zimmer aufräumen gebraucht, ohne dass danach auch irgend etwas erkennbar aufgeräumt war etc.) - nun, zu der Zeit gab es so etwas wie AD(H)S noch nicht, einem Kind, das gesagt hat, dass es sich nicht konzentrieren kann (nein, in der Klarheit konnte ich das als Kind auch nicht sagen), hat man nicht geglaubt und ist von dem ausgegangen, was eben naheliegend war: Intelligent, aber faul. Habe ich die ganze Kindheit lang gehört, stand bei mir sogar so im Zeugnis.

Nun, obwohl es vorkam, dass ich bei Testaten Punkte verloren habe, weil ich schlicht die Zeit nicht geschafft hatte oder etwas wichtiges überlesen hatte, da immer wieder die Gedanken spazieren gingen... für Schule und Abi hat es dank IQ und ähm... energischen Eltern, die nicht zulassen wollten, dass meine Faulheit mir meine Zukunft versaut, gereicht. Naja, keine guten Erinnerungen, wenn ich das mal so zusammen fassen darf.

Im Studium wurde es zugleich besser und schlimmer. Schlimmer, weil die Anforderungen höher waren, besser, weil ich mein Leben viel mehr an mich anpassen konnte.

Dann kam der Job... und es war ganz vorbei.
Ich war ständig völlig erschöpft. So sehr, dass ich trotz ausreichendem Nachtschlaf auf der Arbeit, mitten im Tippen in den Sekundenschlaf gefallen bin. Den Rest kann man sich vorstellen: Sonderlich viel kam dabei nicht heraus und ich habe nicht gerade wenig Fehler gemacht.
Davon, dass ich dann abends zu Hause nicht mehr zu gebrauchen war, weil ich noch nicht einmal mehr in der Lage war, einen simplen Gespräch (Alltag, nicht Raketenphysik... ) zu folgen, gar nicht zu reden.

Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt (da war ich dann inzwischen 30) - weil das ja wohl nicht normal sein kann, ich schon einen Job verloren hatte und Gefahr lief, den nächsten auch zu verlieren. Zig mal die Schilddrüse überprüfen lassen. Im Schlaflabor übernachtet, um meinen Nachtschlaf überwachen zu lassen und was auch immer den Ärzten sonst noch einfiel.

Nun, irgendwann sprach mein Mann mich darauf an, ob ich je auf ADS getestet wurde. Wie soll ich sagen, ich hab ihn ziemlich angemauzt für die Idee.
Hielt ich auch für eine Mode-Diagnose mit Symptomen, die eigentlich auf jeden zutreffen irgendwie.
Nun, er bliebt dran und hat mich letztlich überzeugt, dass ich das zumindest mal mache und die Medikamente versuche.

Also: Doc herausgesucht, die Diagnostik machen lassen - eindeutig positiv.
Auf Ritalin eingestellt wurden.

Paar Wochen später wußte ich nicht, ob ich lachen oder heulen sollte - ich habe beides getan.
Das hat alles geändert. Absolut alles.
Auf Arbeit habe ich "meine PS endlich mal auf die Strasse gekriegt" - ohne jede Übertreibung hat sich meine Arbeitsleistung mindestens (!) verdreifacht. Ich habe einen gigantischen Satz nach vorn gemacht, habe nicht "nur" viel, viel mehr geschafft, ich konnte auf meine Arbeit zu Recht stolz sein. Ich bin wirklich gut in meinem Job. Und mache auch viel, viel weniger Fehler. Mit allen Konsequenzen. Mehr Geld, bessere Position, mehr Wertschätzung von Kunden und Kollegen - und ein so viel besseres Gefühl.
Und abends - da hatte ich plötzlich wieder ein Leben! Ich konnte nach Feierabend Bücher lesen. Mit meinem Mann und unserem Sohn Zeit verbringen, die man auch als solche bezeichnen kann.

Ich kam nicht umhin, mir zu überlegen, dass das Ritalin nicht vielleicht nur eine simple Droge ist und ich musste es wissen, also habe ich etwas getan, was ich nicht tun durfte: ich habe meinem Mann 1/4 Tablette gegeben und ihn gebeten, das mal zu versuchen. Hat er getan - und es hat auf ihn völlig anders gewirkt als bei mir.
Daraufhin kam der Teil mit dem Heulen... was wäre gewesen, wie hätte meine Kindheit, mein Leben sein können, wenn das als Kind erkannt und behandelt wurden wäre... Ich habe den Gedanken daran abgewürgt - unerträglich, aber vor allem sinnlose Gedanken.

Es ist auch heute noch so, dass es mir an manchen Tagen sehr schwer fällt, mich zu konzentrieren. Man ist ja auch nicht an jedem Tag gleich fit und an den Tagen, wo ich weniger oder gar nicht fit bin, kommt das trotz Medikamenten immer noch durch - aber es ist auf einem Level, wo ich damit umgehen kann - und wenn ich mal paar Tage völlig neben der Spur bin - be it, das ist nicht wirklich etwas schlimmes.

Also an alle, die mit diesem Thema in Berührung kommen - auch diese Seite hat das Thema.
Ich muss gestehen, als mein Chef mich fragte, was passiert ist, um das alles so zu ändern, habe ich mit "kein Kommentar" geantwortet. Aber hier im Internet will ich das Feld nicht zu sehr denen überlassen, die nur von "Modediagnose" und Ritalin als "Teufelszeug" sprechen - dazu habe ich zu viel erlebt.

Danke für deine Geschichte

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14. November 2016 um 14:52
In Antwort auf villeneuve78

Danke für deine Geschichte

Danke, dass sie jemand gelesen hat

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